Sie sind auf einem Blog über die Vielfalt der deutschen Sprache gelandet. Wir schreiben über sprachliche und kulturelle Eigenheiten in Österreich, Deutschland und der Schweiz, und räumen mit der falschen Vorstellung auf, es gäbe bloß ein richtiges Deutsch. Wir sehen es eher so: Für jedes Publikum eines bestimmten Alters, in einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort gibt es eine Sprache, die dieses besonders anspricht. Heute beantworten wir einige grundlegende Fragen.

1. Warum soll Deutsch nicht gleich Deutsch sein?

Weil Deutsch eine plurizentrische Sprache ist. In den drei sogenannten Vollzentren der deutschen Sprache, der Schweiz, Deutschland und Österreich, hat sich jeweils ein eigener Standard entwickelt. Man nennt dieses Phänomen auch Standardvarietät. Praktisch bedeutet das, dass sich das Standarddeutsch oder „Hochdeutsch“ eines jeden DACH-Landes unterscheidet: in Wortschatz, Grammatik und Aussprache.

2. Soll das heißen, Deutsche, Österreicher und Schweizer verstehen sich gegenseitig nicht?

Doch, denn die Unterschiede der Standardsprache in den drei Ländern erkennt gerade in schriftlichen Texten nur das geschulte Auge. Die nationalen Eigenheiten im gesprochenen Standarddeutschen dagegen hören wir alle sofort. Am besten eignet sich der Vergleich der professionellen Nachrichtensprecherinnen und -sprecher des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Wo, wenn nicht in den Hauptabendnachrichten, wird auf ein besonders gut verständliches, im ganzen Land akzeptiertes Standarddeutsch Wert gelegt? Hier drei kurze Ausschnitte von SRF, ARD und ORF jeweils zum selben Thema.

 

3. Welche Unterschiede gibt es zwischen schriftlichen Texten aus Österreich, der Schweiz und Deutschland?

Texte aus der deutschen Schweiz lassen sich besonders schnell identifizieren, da es darin zum Beispiel „heissen“ heißt und nicht „heißen“. Das scharfe ß wird in der Schweiz seit den 1970er Jahren nicht mehr geschrieben. Ansonsten sind es die sogenannten Deutschlandismen, Austriazismen und Helvetismen, anhand derer sich ein Text innerhalb der DACH-Region verorten lässt. Das sind Wörter, Wendungen und Schreibkonventionen, die jeweils ausschließlich im entsprechenden Land verwendet werden. Viele Klassiker stammen aus der Kulinarik (D: Feldsalat, A: Vogerlsalat, CH: Nüsslisalat), aus der Verwaltung (D: Handelsgesetzbuch HGB, A: Unternehmensgesetzbuch UGB, CH: Obligationenrecht OR), aber auch aus dem Geschäftsalltag (D: Angebot, A: Anbot, CH: Offerte). Die Unterschiede liegen oft im Detail, sind extrem vielfältig und zudem meist kulturell bedingt.

4. Werden Texte, die sich nicht an das jeweils landestypische Deutsch halten, als störend empfunden?

Ja. Besonders appellative Texte, also solche, die uns direkt ansprechen, sollten im lokal gängigen Deutsch verfasst sein. Nur so fühlen sich die angesprochenen Menschen in ihrer Identität ernst genommen und können positiv darauf reagieren. Das zeigen zwei Beispiele aus der Werbung. Seit 2008 wirbt Red Bull für das Produkt Simply Cola in der gesamten DACH-Region mit dem Slogan „Das Cola von Red Bull“. In Deutschland führte das anfangs zu Irritationen, da die Menschen dort weithin „die Cola“ sagen. Auch die Schweizer Supermarktkette Coop bekam im Sommer 2012 Gegenwind aus der Bevölkerung, als sie eine Kampagne zur Eröffnung der Grillsaison mit der Frage „Chame das grille?“ („Kann man das grillen?“) lancierte. Davon fühlten sich Teile der Deutschschweiz nicht angesprochen, da dort die Variante „grillieren“ vorherrscht.

5. Kann man deutsche Texte so schreiben, dass sie in allen drei DACH-Ländern gut ankommen?

Ja, besonders wenn das Ziel reine Information ist. Wenn ich die Gebrauchsanweisung für einen Radiowecker lese, erwarte ich als Schweizer nicht, dass alle ß mit ss ersetzt werden. Bei appellativen Texten hingegen, die uns direkt ansprechen und zum Handeln auffordern sollen, müssen wir im deutschen Sprachraum einen Ausgleich finden: Lässt sich das intendierte Publikum geografisch eingrenzen (z.B. Newsletter an alle Schweizer Kunden), erzielen wir mit einem genau auf den entsprechenden Sprachgebrauch abgestimmten Text (z.B. Schweizer Hochdeutsch) die höchste appellative Wirkung. Je größer wir den geografischen Kreis ziehen, desto weniger Regionalismen und lokale Kulturspezifika stehen uns für Formulierungen und Bildsprache zur Verfügung. Wenn wir die Menschen in der gesamten DACH-Region erreichen wollen, müssen wir für unsere Botschaft universelle Formulierungen und Bilder finden.

Was ist Ihre Erfahrung mit der Standardvarietät der deutschen Sprache? Lohnt es sich, verschiedene Textversionen für die verschiedenen Regionen des Sprachraums zu schreiben? Oder ist Ihr Ansatz eher, für alle DACH-Länder zu schreiben?

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